View Full Version : Tagi: "Zürich in 50 Jahren"


Lake
December 3rd, 2008, 12:17 AM
Kann jemand den Artikel ev. online stellen?

earthJoker
December 3rd, 2008, 08:26 AM
War gestern bei mir Gratis im Briefkasten. Sollte eigentlich möglich sein den einzuscannen.

steve5
December 3rd, 2008, 11:36 PM
Zürich 2050

Es klingt wie ein Märchen und könnte doch wahr werden. Zürich lässt in 42 Jahren das fossile Zeitalter hinter sich und schafft die Energierevolution.

Es ist der 2. Dezember 2050. Das Kongresshaus funkelt feierlich. Hunderte Girlan*den hängen von der Kuppel und glitzern in allen Farben. Der elektrische Schmuck ist aus einem besonderen Kunststoff, der aus sich heraus leuchten kann. Es sind diesel*ben Lichtschlangen, welche die Bahnhof*strasse auf Weihnachten einstimmen und dabei nur wenig Strom verbrauchen. Die organischen Dioden aus Kohlenstoff ha*ben die Leuchtdioden ersetzt, die vor dreissig Jahren die Sparlampen abgelöst hatten.
Der Stadtpräsident spricht im Festsaal in seiner Rede von Stolz und vom Pionier*geist der Stadtväter. Zürich ist die erste Stadt der westlichen Welt, die den Aus*stoss der Treibhausgase um 80 Prozent ge*senkt hat. Ein Stadteinwohner produziert nicht mehr als eine Tonne CO 2 pro Jahr. Die Limmatstadt hat das fossile Zeitalter hinter sich gelassen, die Zürcher gehören nun zur 2000-Watt-Gesellschaft. Die Gäste im Kongresshaus applaudieren: Po*litiker, die Rechten und Linken für ein Mal vereint, Vertreter der Umweltorganisatio*nen, Abgesandte von Wirtschaftsverbän*den, Wissenschaftler. «Nur gemeinsam haben wir es geschafft», spricht der Stadt*präsident pathetisch und erinnert sich: Vor gut vierzig Jahren sei er zehn Jahre alt gewesen und sein Vater habe nicht erklä*ren können, was Nachhaltigkeit bedeute.

Die Zürcher wollten nicht warten

Das war im Jahr 2008. Jeder Schweizer produzierte etwa sechs Tonnen CO 2. Schuld waren die Erdöl- und Gasheizungen in den Wohnhäusern und Bürogebäuden, die Benzin- und Dieselautos, die Lastwagen und Busse, die Fabriken. Die Wissenschaft*ler warnten vor diesen Treibhausgasen. Sie müssten bis 2050 um mindestens die Hälfte gesenkt werden, sonst erwärme sich die Erde gefährlich. ETH-Forscher sagten, Hitzesommer wie im Jahr 2003 seien dann keine Seltenheit mehr. «Was, wenn es im Sommer regelmässig weniger regnet?», fragten sie besorgt. «Werden die Grund*wasserspeicher in diesem Fall noch genü*gend aufgefüllt? Müssen Bauern Angst um ihre Erträge haben? Ist genügend Strom für Klimaanlagen vorhanden?» Die Zürcher nahmen diese Fragen ernst. Sie wollten nicht warten, bis das Parla*ment in Bern einer Lenkungsabgabe auf Treibstoffe und einer Ökosteuer zu*stimmte. Bis der Bund den Kantonen ver*ordnete, Baueingaben für neue Häuser und Renovationen nur mit einer positiven Energiebilanz zu bewilligen. Sie wollten nicht warten, bis die Regierungen der Welt ein starkes Uno-Klimaabkommen beschlossen, bis die Staaten der Opec zu*gaben, die Erdölförderung nicht mehr stei*gern zu können. Die Zürcher wollten han*deln, bevor die Nachfrage nach Strom der*art stieg, dass der Preis richtig wehtat.

Bürger Teil der Energierevolution

Sie glaubten den Umweltökonomen, die den Bauherren und der Industrie empfah*len, für die nächsten Dekaden zu investie*ren. Die Umwelttechnologien der Schweiz liessen sich im eigenen Land und im Ausland vergolden. Tausende neue Ar*beitsplätze seien zu erwarten. Wer die Energierevolution früh genug schaffe, so die Wissenschaftler, werde profitieren, wenn die internationalen Klimaverpflichtungen strenger würden und die Ölpreise ins Uner*messliche stiegen. Die Physiker schätzten, in vierzig Jahren könnten Wasser und Wind, Sonne, Bioabfälle und Erdwärme 80 Prozent des elektrischen Stroms erzeugen. Das überzeugte die Zürcher. Am 30. No*vember 2008 stimmten sie an der Urne für eine Zukunft in der 2000-Watt-Gesell*schaft (TA von gestern). Die Ausgangslage war gut: Die Stadt hatte bereits einen Mas*terplan, sie hatte Erfahrung mit ökologi*schen Überbauungen, die Elektrizitäts*werke planten den Ausbau ihres Angebots mit Windkraft und erste Erdwärme*bohrungen im Triemli-Quartier, gut drei Kilometer tief in den Untergrund.

So begann die Stadtregierung über den Fortschritt der Stadt zu informieren, in Trams und Bussen, mit Flyers an Mieter und Vermieter. Die Bevölkerung sollte teilhaben an der Energierevolution, sie sollte wissen, was technisch möglich ist. Sie sollte erfahren, welche alten und neuen Liegenschaften Bauherren mit bes*ter Wärmedämmung isolieren, wo Son*nenkollektoren Wasser wärmen und Bü*ros kühlen, wo Wärmepumpen Räume heizen und Solarzellen Strom ins Stadt*netz speisen. Sie sollten staunen, wie viele Autos bereits mit Strom und Biogas fah*ren, wie viele Geräte im Haushalt zu den Top-Energiesparern gehören. Die Bevöl*kerung sollte sich wundern, was die ETH und die Universität an neuen Innovatio*nen entwickeln. «Die Zürcher hatten sich damals mit der Vision identifiziert», blickt der Stadtpräsident in seiner Rede zurück. Die Stadtregierung verordnete und för*derte. Versuchsquartiere für neue Inno*vationen entstanden, die Kantonalbank schrieb jährlich einen Sonderpreis aus für Liegenschaftverwaltungen und Baugenos*senschaften, die sich im Klimaschutz und Energiesparen besonders verdient gemacht hatten. In der Unter- und Oberstufe wurde das Fach Klima und Energie in den Lernplan integriert. Energiesparen sollte von klein auf anerzogen werden. Die ETH richtete ein Energie-Lernzentrum für Schulen ein.

Und die Verwaltung ging voran. Sie trimmte ihre Liegenschaften Schritt für Schritt auf höchsten Ökostandard, sie er*neuerte allmählich ihre gesamte Fahrzeug*flotte durch Biogas- oder Stromantrieb. Das Vorbild machte Schule. Immer mehr Gebäude wurden renoviert, und neue kleine Solarkraftwerke und Biomasse*anlagen lieferten bezahlbaren Strom. Grün wurde trendy – und der Zürcher war ein Teil des Umbruchs.

«Das ging nicht ohne Widerstand», sagt der Stadtpräsident, der sich an seine Zeit im Stadtparlament erinnert. Gewerbe und Industrie hätten immer wieder vor wirt*schaftlichen Schäden gewarnt: Man solle erst einmal abwarten. Das Volk entschied sich für den Fortschritt. Es lohnte sich. An der Uno-Klimakonferenz 2020 in Genf be*schlossen die Regierungen, den CO 2-Aus*stoss pro Erdenbürger bis zum Jahr 2050 jedes Jahr durchschnittlich um 1 Prozent zu senken. Die OPEC gab fünf Jahre später offiziell bekannt, dass das Erdöl-Förder*maximum erreicht sei. Die Energiepreise stiegen.

Vakuumnetz für Abfalltrennung

Heute, im Jahr 2050, verbindet ein dich*tes Velonetz die Quartiere und Pärke Zü*richs. Parkplätze gibt es praktisch nur noch unterirdisch. Die Allee von Tiefen*brunnen über den Sechseläutenplatz, ent*lang den Limmatquai bis zum Platzspitz, ist eine Oase für Jogger und Spaziergänger geworden, hier entspannt sich der Ge*schäftsmann und Banker. Für viele Men*schen liegen Arbeitsplatz und Wohnung im gleichen Quartier. Die ausgebauten S-Bahn- und Tramlinien werden dadurch entlastet und auch durch die ultraschnelle Magnetschwebebahn der SBB, welche die wichtigsten Zentren der Schweiz verbin*det. Im Jahr 2015 führte die Regierung das Roadpricing ein: Autofahrer, die in die Stadt fahren, müssen eine Abgabe entrich*ten. Die Stadt reduzierte den Verkehr um 30 Prozent. Steuererleichterung erhielt, wer auf Biogas- oder Elektroauto setzte. Der Zürcher trennt Abfall effizient und effektiv: In einem unterirdischen Vakuum*netz wird in vielen Quartieren Brennbares zur Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) befördert, Haushaltsabfälle zum Biomas*sekraftwerk, Rezyklierbares zur Wieder- verwertungsdeponie. Die Elektrizitäts*werke Zürich heissen heute Energiewerke. Sie koordinieren die virtuellen Kraftwerke der Stadt. Das sind Managementsysteme, die Energie – in Form von Strom oder Wärme oder beides – aus Wasserkraft, den Solarzellen, den städtischen Biomasse*und Geothermiekraftwerken, aus den Kehrichtverbrennungsanlagen, den Klär*anlagen und Abwasserkanälen an die Haushalte, Büros und Fabriken verteilen.

Hunderttausende Autos als Batterie

Eine besondere Rolle spielen die 300 000 Elektroautos, die täglich in der Stadt verkehren. Sie sind ein wichtiger Energiespeicher: Werden die Batterie*autos nicht gebraucht, sind sie am Strom*netz angeschlossen. Und das ist meistens der Fall, weil der Schweizer täglich durch*schnittlich nur 50 Kilometer fährt. In dieser Zeit gehören die Fahrzeuge zum Stromverbund der Energiewerke. Diese holen sich den Strom bei Spitzenbedarf, und speichern ihn in den Batterien, wenn Wind- und Solaranlagen mehr Strom pro*duzieren, als gebraucht wird.

Möglich macht das der enorme Fort*schritt der Informatik. Chips in den Autos liefern die Daten über Ladezustand und für die monatliche Stromrechnung. Über*haupt haben die meisten Elektrogeräte einen Chip und sind zentral regulierbar. Die Energiewerke stellen schon Mal die Kühlschränke und Gefrierboxen für we*nige Stunden ab, wenn Spitzenstrom ge*braucht wird. «Am Anfang war die Furcht vor dem Überwachungsstaat gross», erin*nert sich der Stadtpräsident.

Es gibt aber auch völlig autarke Liegen*schaften. Auf ihren Dächern verwenden Solarsysteme die Sonnenstrahlung, um Wasser direkt in Wasserstoff und Sauer*stoff zu trennen. Sonnenenergie speichert sich quasi im Wasserstoff, der im Keller in Tanks gesammelt wird, um bei Bedarf Brennstoffzellen anzutreiben, die Strom und Wärme produzieren. Ohne impor*tierte Energie kommt Zürich allerdings nicht aus, vor allem in der kalten Jahres*zeit. Die Städtischen Energiewerke haben vorgesorgt. Sie investierten in Windkraft*anlagen in der Nordsee und im Mittel*meer, bauten ein Holzkraftwerk im Mittel*land und beteiligten sich an Wellenkraft*werken in Portugal und solarthermischen Anlagen in Marokko.

Der Stadtpräsident liest die lange Liste der Unternehmen aus dem In- und Aus*land vor, die sich in und um Zürich angesie*delt haben. Produktionszentren für Solar*technik, Zulieferfirmen für Elektroautos, Informatikbüros, Spinoff-Unternehmen der ETH und anderer Universitäten. «Die Stadt ist ein Leuchtturm unter den Städ*ten », sagt der Stadtpräsident. Und schliesst sein Rede: «Und alles ohne Atomstrom.»

Lake
December 4th, 2008, 12:11 AM
Danke! Die Bilder würde ich noch gerne sehen :)

earthJoker
December 4th, 2008, 09:49 AM
http://www.earth.ch/joker/tagi.jpg
Das ist das einzige Bild.

Dyn.tek
December 4th, 2008, 01:11 PM
dankeschön! ein interessanter artikel, wobei die thematisierten energie quellen bereits heute alle existieren.etwas mehr visionär dürfte der artikel sein, zb kristallspeicher, interstellare kraftwerke oder der verlustfreie stromträger über mehrere hundert kilometer.

die insel im see sieht sehr gut aus, das hochhaus im bild dürfte jedoch eine utopie bleiben.

earthJoker
December 4th, 2008, 03:42 PM
Was ich nicht verstehe, wieso in einem Utopischen Zürich in 50 Jahren der Fleischkäse noch stehen soll.

sämelihülz
December 4th, 2008, 03:49 PM
Was ich nicht verstehe, wieso in einem Utopischen Zürich in 50 Jahren der Fleischkäse noch stehen soll.

Was meinst du? :dunno:

Riedberg
December 4th, 2008, 06:40 PM
Fleischkäse ist der Spitzname für den Anbau des Opernhauses. Ich hoffe auch, dass es bis 2050 nicht mehr steht.

earthJoker
December 5th, 2008, 08:29 AM
Der offizielle Begriff währe wohl Bernhardtheater.
http://www.schtifti.ch/assets/images/allg/standup08_rueckbl_01.jpg
Im Bild des Tagesanzeigers ist das Gebäude unten rechts zu sehen.