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Discussion Starter · #1 ·
In osteuropäischen Städten gibt es ja viele neue Bauwerke und Verkehrsflächen in der modernen Art, genau wie bei uns, die vermutlich auch angemessen gepflegt werden. Daneben hat man Zeugnisse der sozialistischen Zeit sowie restaurierte und noch nicht restaurierte Altsubstanz. Soweit, so klar.

Was ich aber einfach nicht verstehe: Warum sieht man an vielen Stellen, auch zentral in den florierenden Städten, völlig abgewrackte und oft leerstehende Ruinen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, sowie fast unpassierbare, wie zerbombt wirkende Verkehrsflächen (Bürgersteige, Parkplätze, besonders auch Übergangsbereiche aller Art)?

Nach unserer Mentalität wäre es sinnvoll, diese Hindernisse und Schandflecken möglichst schnell zu entfernen, und sei es aus Geld- oder Kapazitätsmangel nur provisorisch. Dort jedoch scheint die Mentalität zu herrschen, absolut nichts zu unternehmen, bis von Grund auf der Neubau möglich ist.

Daß die dortigen Menschen diese krassen Mißstände aus der Historie heraus oder sonstwie nicht so als störend wahrnehmen, kann ich mir schlecht vorstellen, sonst würden sie das Heile und Moderne nicht gleichzeitig zu schätzen wissen. Die betreffenden Verkehrsflächen wenigstens halbwegs zu ebnen, wäre ja nun auch eigentlich mit vertretbarem Aufwand machbar.

Hat jemand eine Erklärung für dieses Phänomen?
 

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LIBERTINED
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Nun, man kann an Osteuropa einfach nicht die selben Maßstäbe wie an das entwickelte Westeuropa legen. Selbst Teile Ostdeutschlands sehen ja noch so desolat wie zu finstersten DDR-Zeiten aus, obwohl hier freilich viel mehr Infrastrukturförderung griff. Allmählich wird's aber überall besser. Fahr mal durch die größeren Städte, da hat sich eine Menge getan, vor allem in Polen, Tschechien, Ungarn usw.

Je östlicher man wiederum kommt, desto schlimmer wirds. Passt hier gut rein:

Böses Erwachen in Russlands Paradies

Der Tourismus am Baikalsee boomt. Auf der Insel Olchon zeigt sich, welch verheerende Folgen das Aufeinandertreffen von Masse und russischer Provinz ohne Infrastruktur hat.


https://www.nzz.ch/international/boeses-erwachen-in-russlands-paradies-ld.1334986


In der Nebensaison ist es fast nicht vorstellbar, dass jeden Sommer mehrere Hunderttausend Touristen nach Chuschir auf der Insel Olchon reisen
 

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Discussion Starter · #3 ·
Mmhh, also ich sträube mich dagegen, nach bald 30 Jahren immer noch dem Experiment Sozialismus/Kommunismus die Schuld zu geben. Zumal diese Phase ja selbst gar nicht mal so lange dauerte. Und was sollen wir mit unseren Kriegszerstörungen dann erst sagen. Ich war zwar nicht dabei, von daher möge man mich gegebenenfalls berichtigen, aber soweit mir bekannt ist, wurden unsere Innenstädte doch innerhalb von ca. zehn Jahren komplett auf Vordermann gebracht. Zwar nicht gerade immer hochwertig, aber eben schnell und gründlich. Verwahrloste oder verwüstete Ecken duldete man nicht. In osteuropäischen Städten wird es ja sicherlich auch so etwas wie Stadtplanung geben, jedoch scheint den Zuständigen da vom Volk kein Druck gemacht zu werden. Man hat offenbar einfach wenig Ansprüche an das Stadtbild und die Stadtfunktionalität. Ich denke, es liegt an Unterschieden im Charakter. Wie der nun geprägt wurde, ist eine andere Frage. Aber wie gesagt, guckt man sich bei uns die Leistungen des Wiederaufbaus an, ist anderswo nicht viel Raum für "Entschuldigungen". Wobei ich ungern die eigene Lebenswelt als Maßstab für alle setze. Es ist halt so, wie es ist, und das warf für mich bei meiner jüngsten Visite in Osteuropa diese Fragen auf.
 

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LIBERTINED
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Wo genau in Osteuropa warst du denn überhaupt?

Es ist ja auch eine Definitionsfrage, was man überhaupt darunter versteht. Historisch sind z.B. Polen, Ungarn, Tschechien, usw. allesamt "Mitteleuropa" und ich finde dort gibt es auch klare Unterschiede z.B. zur Ukraine. Estland z.B. sieht wiederum deutlich gepflegter aus als etwa Litauen. Alles kaum zu vergleichen und zu pauschalisieren.
 

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Discussion Starter · #5 ·
Südwest-Polen, Nordost-Polen und Litauen. Daher dachte ich, mit einer Pauschalisierung würde man der Sache gerechter. Aus Tschechien habe ich es aber in der Tat nicht so in Erinnerung. Daß Osteuropa nicht unbedingt bereits in Polen anfängt, ist mir klar, jedoch ahnte ich schon, daß sich ein Trend in den von uns aus gesehen dahinter liegenden Gebieten eher verstärkt. Wird das dann in Rußland eigentlich wieder anders? Interessant, daß Du von deutlichen Unterschieden zwischen Litauen und Estland sprichst. Diese beiden Völker sind ja z.B. nicht miteinander verwandt. Auch fällt mir gerade ein, daß die ehemaligen deutschen Gebiete in Polen hauptsächlich von Menschenschlägen (zwangs)besiedelt wurden, die eigentlich aus der Gegend der Ukraine stammen. Das muß man bei trendmäßigen Einordnungen Polens berücksichtigen.
 

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Was ich aber einfach nicht verstehe: Warum sieht man an vielen Stellen, auch zentral in den florierenden Städten, völlig abgewrackte und oft leerstehende Ruinen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, sowie fast unpassierbare, wie zerbombt wirkende Verkehrsflächen (Bürgersteige, Parkplätze, besonders auch Übergangsbereiche aller Art)?
Hat jemand eine Erklärung für dieses Phänomen?
Gerade zufällig über den Thread gestolpert. Jetzt würde mich interessieren in welchen Städten du warst? Völlig abgewrackte Ruinen, auch zentral...bin oft in Polen, aber das ist irgendwie nicht das Bild, wie ich es kenne...dein Bericht erinnert eher an eine Beschreibung vor 20 gut, vielleicht auch 10 Jahren..bei den Verkehrsflächen dagegen geb ich dir Recht. Oft gut gedacht, aber irgendwie schlecht ausgeführt....nur ist das auch wieder eine Pauschalisierung. Die finde ich meistens ziemlich unsexy..Beipiele wären gut
 

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Discussion Starter · #7 ·
@ Klabauter
Es war ein repräsentativer Eindruck, der sich neulich für mich nach meiner dritten Reise in diese Gebiete festsetzte. Wie aus meinen Formulierungen ersichtlich ist, hielt/halte ich diesen Eindruck für allgemeingültig. Ich hätte nicht gedacht, daß erst über den Eindruck diskutiert werden muß. Wenn ich gewußt hätte, daß die Sachlage anscheinend doch nicht so eindeutig ist, hätte ich diesen Faden mit einem anderen Ansatz, mit Beispielphotos oder auch gar nicht eröffnet. Ist alles ein bißchen unglücklich.
 

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Discussion Starter · #8 · (Edited)
Mir fiel gerade ein, daß ich zufällig doch ein aktuelles Beispielphoto (aus Stettin) zur Hand habe, auch wenn es weder ein Gebäude noch eine Verkehrsfläche zeigt. Man sieht hier die von mir gemeinte häßlich und funktionslos gewordene Restsubstanz, die aber einfach nicht entfernt, aufgebessert oder verdeckt wird. Für uns ist es doch nicht nachvollziehbar, wie man eine Lebenseinstellung haben kann, mit der man sich von solch einem Zustand anscheinend gar nicht gestört fühlt.

http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=fb1aac-1520000333.jpg

PS: Kleine Anmerkung am Rande - in dem Stadion trug Deutschland 1935 ein Heim-Länderspiel gegen Estland aus ...
 

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LIBERTINED
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Ist das im alten Pogon-Stadion? Das wird doch gerade fast komplett abgerissen und neu gebaut, insofern schlechtes Beispiel.

Gerade die Polen sind mittlerweile oftmals sauberer und gründlicher was Verkehrsflächen angeht als die Deutschen.
 

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Volkspole
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Nach jetzt nun über 4 Jahren in Polen, möchte ich hier auch meine 50 Groszen dazu geben, da ich seit Jahren versuche dem von Wetterhäuschen beschriebenen Problem auf den Grund zu gehen.

Gleich vorab: Ich bin zu keiner Lösung gekommen und das Problem ist so komplex, dass hier eigentlich eine historisch-soziologische Psychoanalyse von Nöten wäre.

Wir haben hier ein Zusammenspiel von historisch ländlich geprägter Bevölkerung, Verwüstungen von zwei Weltkriegen (nicht nur der II WK war für Polen fatal), zwei Generationen sozialistischer "Wirtschaft" und deren Folgen, sozialistischer "Mentalität", schwachen Staatsstrukturen bezüglich Städtebau und allgemein was "Ordnung" angeht, finanzielle Aspekte spielen auch eine große Rolle.
 

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In osteuropäischen Städten gibt es ja viele neue Bauwerke und Verkehrsflächen in der modernen Art, genau wie bei uns, die vermutlich auch angemessen gepflegt werden. Daneben hat man Zeugnisse der sozialistischen Zeit sowie restaurierte und noch nicht restaurierte Altsubstanz. Soweit, so klar.

Was ich aber einfach nicht verstehe: Warum sieht man an vielen Stellen, auch zentral in den florierenden Städten, völlig abgewrackte und oft leerstehende Ruinen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, sowie fast unpassierbare, wie zerbombt wirkende Verkehrsflächen (Bürgersteige, Parkplätze, besonders auch Übergangsbereiche aller Art)?

Nach unserer Mentalität wäre es sinnvoll, diese Hindernisse und Schandflecken möglichst schnell zu entfernen, und sei es aus Geld- oder Kapazitätsmangel nur provisorisch. Dort jedoch scheint die Mentalität zu herrschen, absolut nichts zu unternehmen, bis von Grund auf der Neubau möglich ist.

Daß die dortigen Menschen diese krassen Mißstände aus der Historie heraus oder sonstwie nicht so als störend wahrnehmen, kann ich mir schlecht vorstellen, sonst würden sie das Heile und Moderne nicht gleichzeitig zu schätzen wissen. Die betreffenden Verkehrsflächen wenigstens halbwegs zu ebnen, wäre ja nun auch eigentlich mit vertretbarem Aufwand machbar.

Hat jemand eine Erklärung für dieses Phänomen?
du warst anscheinend noch nie in italien oder spanien..
 

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senior múdrosráč
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Dieses ist mein erster Kommentar auf Deutsch, so ich hoffe, dass ihr könnt mir verstehen.

Ob ich habe richtig versteht, das Problem ist ziemlich einfach: der Grundbesitz nach dem Fall des Sozialismus. Es alle fängt davor an – in 1948. Vorher-Privatbesitzen waren verstaatlicht. Kein Privatbesitzen existiert, bis zu die sogenannt Samtrevolution in 1989 als die Rückerstattungen begannen. Unglücklicherweise, viel vorher-Besitzer lebt schon nicht und ihre Erben sind nicht zur Lösung um Besitzung gekommen. Nichts kann getan werden, bis das Eigentum offiziell ist (in der Regel nach der Klage).


Daher gibt es viele Ruinen. Der alte Besitzer ist tot und ein neuer ist noch nicht offiziell.
 

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In osteuropäischen Städten gibt es ja viele neue Bauwerke und Verkehrsflächen in der modernen Art, genau wie bei uns, die vermutlich auch angemessen gepflegt werden. Daneben hat man Zeugnisse der sozialistischen Zeit sowie restaurierte und noch nicht restaurierte Altsubstanz. Soweit, so klar.
Was ich aber einfach nicht verstehe: Warum sieht man an vielen Stellen, auch zentral in den florierenden Städten, völlig abgewrackte und oft leerstehende Ruinen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind, sowie fast unpassierbare, wie zerbombt wirkende Verkehrsflächen (Bürgersteige, Parkplätze, besonders auch Übergangsbereiche aller Art)?
Nach unserer Mentalität wäre es sinnvoll, diese Hindernisse und Schandflecken möglichst schnell zu entfernen, und sei es aus Geld- oder Kapazitätsmangel nur provisorisch. Dort jedoch scheint die Mentalität zu herrschen, absolut nichts zu unternehmen, bis von Grund auf der Neubau möglich ist. Seht euch z.b. mal Berlin an, ein guter Artikel dazu auch im Netz. Daß die dortigen Menschen diese krassen Mißstände aus der Historie heraus oder sonstwie nicht so als störend wahrnehmen, kann ich mir schlecht vorstellen, sonst würden sie das Heile und Moderne nicht gleichzeitig zu schätzen wissen. Die betreffenden Verkehrsflächen wenigstens halbwegs zu ebnen, wäre ja nun auch eigentlich mit vertretbarem Aufwand machbar.
Hat jemand eine Erklärung für dieses Phänomen?
Vielleicht aber auch eine Frage von schlechter Politik und mangelnder Finanzierungspläne. So toll scheint der Tourismus nicht zu florieren, wenn man sich diese Bilder ansieht.
 
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