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Wie findet ihr ihn?

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Stimmann hat etwas vollbracht, was wohl wenige geschafft hätten: durch seine rigiden Vorgaben durch das Planwerk Innenstadt wurde er weltweit ein Begriff. Während die Anhänger ihn lobten für seine Verteidigung der traditionellen Stadt und der Schaffung einer städtebaulichen Ordnung in Berlin, einer Stadt, die jegliche Ordnung verloren hatte, ätzten seine Kritiker wie Richard Meier, Sir Norman Foster oder auch Daniel Liebeskind, dass Stimmann mit seinen Plänen der Stadt und den Architekten die Luft zum Atmen genommen hätte!


Kritiker werfen Stimmann vor, er verantworte fantasielose Klötze. HIer ein Bild der Bauten auf dem Moabiter Werder, der sogenannten ...


... Spreeschlange, in der anfangs vor allem Abgeordnete wohnen sollten: Inzwischen kann hier jeder einziehen, der will.


Auch die Townhouses folgen streng der Geometrie.


Die ungarische Botschaft ist ein weiteres Beispiel für den Stimmann-Stil.

Aber es gibt auch andere Meinungen. Sie loben den positiven Effekt von Stimmanns einfachen Regeln, der sich etwa am Pariser Platz zeige.

Hier, in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor, gelang dem Architekten Frank Gehry nach eigenen Worten eines seiner besten Gebäude, obwohl er sich in die ungeliebte Gestaltungssatzung fügen musste. Gehrys DZ-Bank ist rechts im Bild.

http://www.morgenpost.de/berlin/art...ktur-unter-Hans-Stimmann.html?slideshowpage=1
 

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Discussion Starter · #2 · (Edited)
Wo, bitte, geht's zur Mitte?

Berlins historisches Zentrum soll zu einer Großbaustelle werden. Doch konzeptuell herrscht Ratlosigkeit. Der Architekt Hans Stimmann fordert eine neue, kleinteilige Bebauung, die an das Verlorene anknüpft, ohne die Gegenwart zu tilgen.

Wer sich in Hamburg und München auf dem Rathausplatz, in Köln auf dem Alten Markt oder in Dresden auf dem Neumarkt verabredet, braucht keinen versierten Stadtführer. In Berlin ist bekanntlich alles anders und mit der Nachkriegsgeschichte der bis 1989 geteilten Stadt verbunden. Viele Kultureinrichtungen wie die Nationalgalerie oder Staatsbibliothek existieren doppelt, so dass man nach der Wiedervereinigung die Unterscheidungskategorie „neu“ hinzufügte. Nach den Plätzen in der Altstadt sucht man dagegen völlig vergebens, sie wurden nach 1949 ausgelöscht.

Selbst Berliner brauchen daher historische Stadtpläne, um zum Beispiel den Petri-Platz, Neuen Markt oder Molkenmarkt zu verorten. Wenn es nach dem Willen des Senats geht, soll es bei diesem so erinnerungs- wie platzlosen Zustand bleiben. In einer Mitteilung an das Abgeordnetenhaus vom Juli 2009 heißt es: „Berlin verfügt im Stadtzentrum zwischen Spree und Alexanderplatz über einen großen Freiraum, der zwar räumlich klar definiert wird, der aber keinen gängigen Namen besitzt.“ Die Passage endet mit dem Verweis, man nenne das Areal fortan Rathausforum. Das überwiegend namenlose Fragment des ehemaligen DDR-Staatsraumes wird aber auch durch diese Umtaufe und die Integration des Marx-Engels-Forums nicht zum zentralen Ort, auch wenn hier ein „Panoramablick auf Zeugnisse aus 750 Jahren Stadtgeschichte möglich“ sein soll. Angesichts dessen, dass dort außer der vereinsamten Marienkirche nur der unbeholfene Kommunistenhain der DDR und der hierher versetzte Schlossbrunnen zu sehen sind, wünscht man sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall weniger verquastes Planerdeutsch und klarere politische Aussagen über den Umgang mit einem Kernbereich der Berliner Altstadt.

Deren Areale aber kommen in Bewegung. So hat der Weiterbau der U-Bahn Linie 55 zum Alex mit den neuen Stationen Humboldtforum und Rathaus begonnen, das Gebiet zwischen Spree und Fernsehturm sowie das geplante Stadthausquartier nördlich vom Molkenmarkt werden in den kommenden zehn Jahren Großbaustelle sein, um die Grunerstraße zurückzubauen und den Stadtgrundriss rund um den Großen Jüdenhof zu rekonstruieren. Nimmt man die Straßen- und Platzneubauten zwischen Gertraudenbrücke und Stadthaus hinzu, werden in den kleinen Raum der ehemaligen Berliner Altstädte 1,5 Milliarden Euro öffentliche Mittel investiert, zuzüglich die schwer einschätzbaren privaten Investitionen für Wohn- und Geschäftsbauten.

Berlins historisches Zentrum steht also vor einem Bauvorhaben, wie es die Stadt zuletzt auf dem Potsdamer Platz erlebt hat. Allein die Ansprüche der Baulogistik werden es buchstäblich umpflügen - einen Vorgeschmack lieferte vor einiger Zeit die Versetzung des Marx-Engels-Denkmals an die Liebknechtstraße. Niemand vermag die geistige und politische Befindlichkeit Berlins nach Beendigung der Baumaßnahmen vorauszusagen. Aber eine bloße Wiederherstellung des DDR-Staatsforums, ergänzt um eine U-Bahnstation am Rathaus, scheint weder wahrscheinlich, noch ist sie wünschenswert. Soll das einst vom Berliner Magistrat auf dem Neuen Markt errichtete Denkmal Martin Luthers wirklich auf dem Nordteil des Marienkirchhofes bleiben oder nicht doch, wie die Gemeinde wünscht, auf seinen angestammten Platz vor der Marienkirche zurückkehren? Was aber würde dann aus dem Neptun-Brunnen? Böte das Nebeneinander von ihm, Luther-Denkmal und dem Marx-Engels-Duo einen geschichtsträchtigen „Panoramablick“ oder nicht eher einen in die Gruselkammer jüngster Stadtplanung?

Zur künftigen Attraktivität sollen laut Senat „archäologische Fenster“ mit Blick auf die Fundamente bedeutender Bürgerhäuser beitragen. Aber es geht hier nicht primär um Archäologie, sondern um die städtebauliche Auseinandersetzung mit Zerstörungen.
Schutzwürdige Erinnerungen an den Sozialismus

Was kann das historische Zentrum für die wiedervereinigte Stadt leisten? Eine Lösung bestünde darin, das Ensemble, so wie es ist, zu bewahren. Das schlug der Architekturtheoretiker Kurt W. Forster schon 1992 vor: „Wie die Bilder de Chiricos versetzt auch diese städtische Bühne alle ihre Objekte in eine Art historischen Stillstand. Dabei verwandeln sich Inkongruenz und Fremdheit dieser Gegenstände in eine gebannte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“ Eine solche Szenerie mag für ein Gemälde oder ein Foto spannend sein, doch für Berlins Realität müssen das Rathaus und die Marien-Kirche mehr darstellen als „magische Requisiten“. Eines kann Forsters Vorschlag beanspruchen: die Bewahrung des Status quo wäre konsequent, erfüllte die politischen Anforderungen an einen „grün geprägten Stadtraum“ - und wäre verkehrsgerecht.

Ebenfalls 1992 lieferte Friedrich Dieckmann die Begründung der Schutzwürdigkeit des DDR-Staatsraums: „Man gehe von der Spandauer Straße an dem als eine Art Alibi dorthin gesetzten Neptunbrunnen vorbei auf den Turm zu, sehe ihn hinter Fontänenbecken und einer Freitreppe ins Übersichtige aufsteigen, und man bekommt einen sinnfälligen Begriff von allem dem, was der existierende Pseudosozialismus synthetisierte: das Imitatorisch-Feudale, die modernistische Triumphgebärde, kleinbürgerliche Überspanntheit und die schrankenlose Herrschaft eines verdrängten Unbewussten.“
Kritische Rekonstruktion

Momentan herrscht Ratlosigkeit. Problematischer als das aber sind die vorläufigen Konkretisierungen des Senatskonzepts für das „Rathausforum“: Ob als streng gerahmter Platz vom Fernsehturm bis zur Spree, als Berliner Binnenalster oder als Park mit den freigelegten Mauern der mittelalterlichen Stadt - die Vorschläge der Architekten Chipperfield, Grafts und Kiefer sollen, so die Senatsbaudirektorin, „den Kopf freimachen“. Doch sie erinnern fatal an den Entwurf, den 1999 die von der CDU geführte Bauverwaltung von Jürgen Sawade als Reaktion auf das „Planwerk Innenstadt“ anfertigen ließ - und den der SPD-dominierte Senat stoppte.

„Den Kopf freimachen“ bedeutet heute nur Vergessen der Erfahrungen, die Berlin Ost und West gemacht hat - von den Utopien der fünfziger über die metabolistischen Konzepte der sechziger Jahre bis hin zur Megalomanie für den Potsdamer Platz unmittelbar nach der Wende. Schienen seither die Bürger, Politiker, Architekten und Planer daraus gelernt zu haben, scheinen letztere nun wieder versucht, das Herz der Stadt in einem Maßstab zu gestalten, wie er nur in einem autoritären Regime denkbar scheint.

Die drei genannten Architekten agieren, als sei das historische Zentrum ein Gelände wie die Flughäfen Tegel oder Tempelhof, deren Leere zu ähnlichen Utopien animiert hat. Derart ortsunabhängige Beliebigkeit ist in einer Zeit der ernsthaften Suche nach Baukultur, Rücksicht auf den Ort, Nachhaltigkeit, Individualität und innerstädtischem Wohnen verantwortungslos. Wenn man dem Stadtkern wieder etwas von seiner Würde, Gliederung und Vielfalt zurückgeben will, bedarf es einer „Kritischen Rekonstruktion“ und Reurbanisierung. Wohn- und Geschäftshäuser auf privaten Grundstücken gäben dem Rathaus, der Marienkirche und dem neuen Humboldtforum den gebührenden Maßstab zurück.
http://www.faz.net/s/RubEBED639C476...6A81EF9242FC531D08~ATpl~Ecommon~Scontent.html

S A
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D E
 

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Discussion Starter · #4 ·
Bei Stimmann mischen sich wohl einige Themenbereiche:

Zum einen der Stolz der Architekten, die es überhaupt nicht gewohnt waren, eine staatliche Institution als beherrschende Faktor für die Gestaltung anzuerkennen, zum anderen denke ich war Stimmann tatsächlich bei einigen Projekten ein Glücksfall. Berlin hatte durch Krieg und Teilung seine Struktur völlig verloren, jeder andere Ansatz hätte tatsächlich die historische Wirkung von bestimmten Ensembles vollständig zerstört. Ich denke, dass die Kritik überzogen ist, letztlich hat Stimmann nur den Gedanken der kritischen Rekonstruktion von Kleihues zuende gedacht.

^^
Guter Link: hier der Text, damit er nicht für die Nachwelt verloren geht:
Mit Stimmann wäre das nicht passiert

Berlin ist nicht Pristina: Um das Erbe des Hauptstadtplaners ist ein Architekturstreit entbrannt

Wer ist Hans Stimmann? Was ist das für einer, der noch aus dem Ruhestand heraus so polarisiert, dass Berliner Architekten nicht nur nicht in einem seiner Bücher erscheinen wollen, sondern dagegen protestieren, wie es vielleicht sonst nur Alice Schwarzer tun würde, wenn sie in einer Enzyklika des Papstes wegen ihrer Burka-Ablehnung gewürdigt werden würde. Von Hans Stimmann gelobt werden? Nein, danke! Das ist, wie der Architekt Arno Brandlhuber in der WELT vom 16. November ausrief, "die schlimmste aller tödlichen Umarmungen".

Und Hans Stimmann, ehemals Senatsbaudirektor und seit vier Jahren ohne öffentliches Amt, tut noch mehr als Bücher zu publizieren. Er mischt sich weiterhin mit kräftigen Tönen in die Diskussion um Berlins Bebauung ein.

Statt in traditionellen Proportionen zu bauen, so antwortet Stimmann in der F.A.Z. vom 18. November, scheinen die Politiker "heute wieder versucht, das Herz der Stadt in einem Maßstab zu gestalten, wie er nur in einem autoritären Regime denkbar schien". Doch auch für den Bereich rund um den Berliner Fernsehturm, der nun zur Bebauung anstehe, bedürfte es, sagt er, "einer kritischen Rekonstruktion und Reurbanisierung".

Da ist er wieder, der Streit, der die Berliner Architektur schon in den neunziger Jahren beschäftigte. Die Wunden scheinen nicht verheilt, die Fronten nach wie vor unversöhnlich - geht es doch um das Bild der Hauptstadt und um Entscheidungen, die, heute getroffen, dieses Bild auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hinaus festlegen.

Schon das gegenwärtige Berlin trägt Stimmanns Handschrift. Zwischen 1991 und 2006 war er Senatsbaudirektor und ein Mann, der seinen Einfluss zu nutzen wusste, in Gremien, in Jurys und durch die Besetzung von Jurys. Noch mehr Gewicht aber gewann er dadurch, dass er sich schon damals als eine Art Thilo Sarrazin der Architektur gerierte. Wie jener ist Stimmann Sozialdemokrat, wie jener ein Bürgerlicher und ein Konservativer von intellektuellem Format. Wie Sarrazin thematisierte er Wichtiges, vergiftete aber das Richtige oft mit provozierenden und polemischen Aussagen. "Ich bin doch kein Geschmacksdiktator", hat er einmal gesagt, "bloß weil ich ein ganz gutes Vermögen habe, gute von schlechter Architektur zu unterscheiden." Er habe die Stadt eigenhändig verdorben, hielten ihm andere entgegen, darunter der amerikanische Stararchitekt Richard Meier. Und tatsächlich sind die architektonischen Ergebnisse von Stimmanns Amtszeit mindestens fragwürdig. Was gemeint war als eine Art Manufactum-Themenwelt ("Es gibt sie noch, die guten Dinge"), entpuppte sich als eine graue Stadt, die nicht wegen, sondern trotz rigider gestalterischer Vorgaben Vitalität entwickelt hat. "Danke, Hans" heißt denn auch ein Film, in dem der Künstler Igor Paasch die Fassaden der Ära Stimmann kommentarlos zusammengeschnitten hat: ein Dokument steinerner Leblosigkeit und aufwendig organisierter Einfallslosigkeit, genannt Berlin.
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Wer jetzt, wie Arno Brandlhuber, nicht mit Stimmann in einem Atemzug genannt werden will, möchte sich genau von diesem Stil distanzieren. Doch hinter den Geschmacksdiskussionen stehen Fragen von größerer Reichweite. Wie viel Einfluss darf und soll der Staat auf das Aussehen von Städten nehmen? Schließlich gehören ihm ja die meisten Gebäude darin nicht. Mit welchen Mitteln kann eine Gemeinde die gegenläufigen Kräfte von Investoren und Käufern ausgleichen, privaten und öffentlichen Raum gestalten, einen Ausgleich finden zwischen individuellem Geschmack und der Verpflichtung für die Gemeinschaft?

Wer einmal Hans Stimmann Recht geben möchte, der blicke nach Pristina in der Republik Kosovo. Die Stadtteile, die dort in den vergangenen Jahren entstanden, sind so voller Materialgegensätze und Maßstabssprünge, dass man sofort nach einer ordnenden Hand rufen möchte. Der deutsche Kurator Kai Vöckler hat das in seinem großartigen Buch "Pristina is Everywhere" dokumentiert. Was hier zu sehen ist, ist nicht lebendig, sondern anarchisch. Lauthals zeugen die ästhetischen Kollisionen von wirtschaftlichem Egoismus und einem schwachen Staat. Solche Stadtbilder sind es, vor denen Hans Stimmann immer gewarnt hat, auch wenn er andere Beispiele heranzog. Sein positives Leitbild, wenn nicht das preußische Berlin zur Zeit Schinkels, ist das Paris des Barons Haussmann. Eine homogene Stadt, in der eine einheitliche ästhetische Linie herrscht. Variationen und Fantasie sind nur im Rahmen eines Grundrasters für Bautypen, Materialien, Bauhöhen und Frontlinien erlaubt. Das ist zugleich das Bild einer geordneten Gemeinschaft, in der Individualität sich im Rahmen einer bürgerlichen Grundordnung entfaltet. "Wenn die Gemeinde sich nicht mehr verständigen kann, auf Zeit gewisse Rahmenbedingungen zu definieren", hat Stimmann einmal gesagt, "dann gibt die Gemeinde sich als Gemeinde auf."

Doch wo der eine Ordnung sieht, erleben andere Unterdrückung. Unübersehbar wurde mit den Stimmannschen Vorschriften nicht nur das Schlechte verhindert, sondern auch das Gute abgeriegelt. Berlin wurde nicht Pristina, aber eben auch kein Amsterdam oder Barcelona. Fantasie, bleib bloß weg von der Macht! Die Stimmann-Kritiker, auch die von heute, beklagen denn auch die Berliner Monotonie und fragen: Soll eine Metropole des 21. Jahrhunderts nicht auch nach Gegenwart aussehen dürfen? Braucht nicht die offene, liberale und kreative Gesellschaft andere Bauformen als immer weitere Kilometer von steinernen Rastern?

So weit, so übersichtlich die Positionen des neuen Berliner Architekturstreites. Nur: Gedanklicher Wirrwarr entsteht dadurch, dass die Protestler ein aktuelles Thema mit in die Debatte hineinschmuggeln. Das Stichwort heißt Gentrifizierung, bezeichnet die bauliche Aufwertung von Stadtvierteln und hat zuletzt in Hamburg für Diskussionen und Hausbesetzungen gesorgt. Nun aber soll Hans Stimmann auch noch Schuld an steigenden Mieten, teuren Cafés und aufgeklappten MacBooks in Berliner Szenebars sein. Der Grund: Mit der Parzellierung der Grundstücke und politisch gewollter Kleinteiligkeit der Bebauung habe er dem Bürgertum und seinen Townhouses die Einflugschneise ins Stadtzentrum geöffnet. Repressive Wohnwelten, die die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zementierten und die ärmere Bevölkerung ausschlössen. Wogegen die Protestler nach eigenem Empfinden eine so fantasievolle wie "kritische" Architektur vorlegten, die auch den sozial Schwachen zu Gute käme. Doch wenn die Stimmannsche Lebenslüge womöglich darin besteht, Berlin so attraktiv gemacht zu haben wie Paris, so haben seine Kritiker ihre blinden Flecken bei der sozialen Frage. Sie bauen vielleicht extravaganter als traditionalistische Architekten. Dass dies aber für eine andere Gesellschaftsschicht tauge, ist reines Wunschdenken. Ihre Projekte sind Galeriehäuser und Wohngruppen für die bürgerliche Mitte und betreiben genau das, was sie zugleich beklagen: die Aufwertung ehemals preiswerter Wohnviertel.

Auf diese Weise bekommt die Diskussion eine Dynamik, die zwar gut sein mag für wilde Streitgespräche, aber schlecht für begriffliche Klarheit und vernünftige Entscheidungsfindung. Vielleicht wird sich für solche Debatten, in der zu viele Themen, zu viele Halbwahrheiten und zu viel Wunschdenken in einen Topf geworfen werden, einmal der Begriff Sarrazinade bilden. Oder eben: Berliner Architekturdiskussion.

Vom Autor ist gerade erschienen: "Traumhäuser unter 200 000 Euro. Architektenhäuser für kleines Budget" (Callwey). Der Link zum Igor-Paasch-Film unter: welt.de/architektenstreit
http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article11049159/Mit-Stimmann-waere-das-nicht-passiert.html
 

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Discussion Starter · #5 ·
Die NY-Times zieht ein Resümee über Hans Stimmann:
Mich erstaunt es jedesmal wie Stimmann weltweit mittlerweile in jeder städtebaulichen Diskussion als Eckpunkt für ein bestimmte Vertretung des Bauens zitiert wird:


To some he is this city’s savior: a politically savvy, coolheaded master builder who has reconstructed Berlin with speed and conviction. Others call him an empire builder whose absolutism has wasted an unparalleled opportunity for modern city planning.

At the end of this month, Hans Stimmann, 65, will be required to re tire as Berlin’s building director, a position he has held for most of the last 15 years. He leaves a visual legacy as controversial as it is lasting.

“I don’t think there will be a man who will shape the city as much as he has,” said Ingolf Kern, the managing editor of the German art magazine Monopol.

Mr. Stimmann is a trained mason who forthrightly rejected grand architectural visions in favor of pragmatic city planning. His fingerprints are visible to all who walk through Berlin’s city center, from the Hotel Adlon and Frank Gehry’s DZ Bank at the Brandenburg Gate down to the revived Potsdamer Platz. The projects he oversaw cover more than 741 acres in the post-Wall center of Berlin. Ignoring breathless talk in the early 1990’s about a new, redefined city after the Berlin Wall began coming down in 1989, Mr. Stimmann chose to favor the uniform streetscapes and piazzas of old Europe.

“I had a drawer and I opened it up and pulled out the old city plan,” he said, recalling his first days on the job in 1991. “I said: ‘It worked for 250 years. Why do we need a new competition?’ ”

Concerned that uncontrolled development would produce a forest of skyscrapers, Mr. Stimmann set building heights of 72 to 98 feet, or about six to eight stories tall. That move, which stunned cultural critics and architects, proved to be Mr. Stimmann’s most important tool in his effort to return Berlin to the traditional church-dome silhouette of its prewar heyday.

“Berlin is a museum for every failed city planning attempt since 1945,” Mr. Stimmann said. “I wanted to go back to a city structure that I call a European city. I wanted to make Berlin readable again.”

He saw the socialist architecture of East Berlin, embodied in the Palast der Republik, now being dismantled, and the modernism of the Hanseatic quarter, in the western end of Berlin, as architectural pipe dreams that had failed in execution. He said architects needed limits, and his brusque approach earned him many enemies among builders.

“When it comes to serious discussion, he very quickly gets rude,” said Matthias Sauerbruch, an architect who sat on architectural juries with Mr. Stimmann. “I’ve witnessed juries where he outright intimidates people.”

Cultural critics in Germany have accused Mr. Stimmann of erasing the city’s postwar architectural history and putting Berlin planning into a 19th-century straitjacket. Under his watch Pariser Platz, by the Brandenburg Gate, and Friedrichstrasse, the shopping avenue in the east, have been lined with stone facades, a uniformity echoing the neo-Classicism of Berlin’s 19th-century builder Karl Friedrich Schinkel.

Mr. Stimmann “couldn’t imagine that a street could look like this,” said the architecture critic Niklas Maak, grabbing a pen and pad in a Berlin cafe to sketch a streetscape with buildings of varying heights and widths. He followed with another sketch, in which all the buildings were the same size: “Like this the street looks like a file cabinet,” he said. “That’s what Berlin looks like right now.”

That is not to say that the city has not managed its share of architectural feats. The colorful panes of Sauerbruch Hutton Architects’ GSW headquarters, Mr. Gehry’s inwardly exploding DZ Bank and a new steel-and-glass train station have drawn the support of critics and the general public.

But Mr. Maak said that the choice projects — in Potsdamer Platz, and in the rejuvenated Mitte district — were saved for architects who embraced Mr. Stimmann’s conservative planning vision. Helmut Jahn’s Sony Center on Potsdamer Platz, Hans Kollhoff’s 1930’s-style skyscraper across the street and Josef P. Kleihues’s historically accurate buildings flanking the Brandenburg Gate were all projects that Mr. Stimmann considered artistic and mindful of the cityscape.

Others found themselves shut out of choice projects. Rem Koolhaas famously stormed out of the jury on the redesign of Potsdamer Platz in 1991, and later wrote a letter accusing Mr. Stimmann of organizing “a massacre of architectural intelligence.” Daniel Libeskind, whose Jewish Museum was far enough along that Mr. Stimmann was unable to stop its construction, had his grand design for Potsdamer Platz dismissed in favor of a more understated design by Christoph Kohlbecker and Renzo Piano.

“You can’t separate structural order from the notion of creating creative things,” Mr. Libeskind said. “I think he made the separation, and it was a very dogmatic one. It stinks to me of a very oppressive ideology, anyway. Berlin has suffered from this order.”

A man with a firm grip on his public image, Mr. Stimmann has maintained his resolve amid the barrage of criticism, which has endeared him to his supporters.

“His greatest accomplishment was to develop a strategic vision,” said Harald Kegler, a city planning expert at the Laboratory for Regional Planning in Saxony-Anhalt. “The most important thing he did was keep a cool head.”

That levelheaded approach maximized results and minimized risk. At a recent party overlooking Potsdamer Platz, the German journalist and author Ulf Poschardt declared, “He saved us from the worst.”

The arts editor of The Frankfurter Allgemeine Zeitung, Claudius Seidl, then chimed in. “Yes,” he agreed. “But he also saved us from the best.”
http://www.nytimes.com/2006/09/27/arts/design/27stim.html
 

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Discussion Starter · #6 ·
Gott hat gesprochen!

Stimmanns Wille – die Innenstadt den Wohlhabenden

Berlins langjähriger Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der Berlin Fassadenhaftigkeit verschrieb, ist gegen jeden sozialen Wohnungsbau – und für Townhäuser.

Er ist viel unterwegs, nicht leicht zu erreichen, doch dann plötzlich bietet Hans Stimmann an, man könne das Interview nach seiner Rückkehr aus Moskau auch bei ihm zu Hause führen. Wo mag Berlins langjähriger Senatsbaudirektor, berüchtigter Verfechter von Traufhöhe, Steinfassade, kritischer Rekonstruktion und einer rührseligen, modelleisenbahnhaften Idee der Stadt, wohl wohnen?

Natürlich, es ist Berlins Bayerisches Viertel. Wo, wenn nicht am hübschen Viktoria-Luise-Platz im Stadtteil Schöneberg, gibt Berlin heute noch zu erkennen, wie die Schmuckplätze um 1900 aussahen? Eine behutsam rekonstruierte Parkanlage im Stil des Spätbarock, umgeben von großbürgerlichen Mietshäusern.

Stimmann selbst wohnt in einem Altbau

Alles liegt ruhig da: die symmetrischen Beete, Rabatten, der imposante Säulengang aus Sandstein. Wolf Jobst Siedler erwähnt den Ort in seinen Memoiren, befanden sich doch die Räume seines Verlags über viele Jahre in diesem Idyll, das fast unbeschädigt durch den Krieg gekommen ist.
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Und auch Karl Schlögel, der in seinen Essays nach 1989 wie kaum ein anderer die "Wiederkehr Europas aus dem Geist der Städte" beschwor, wohnt nur einen Katzensprung von hier entfernt und sitzt gern in den nahegelegenen Cafés.

Der Weg zum Vater des "Planwerks Innenstadt", des rigiden Masterplans für die Bebauung, führt also in dieses gründerzeitliche Ambiente. Das passt. "Ich wohne", behauptet Hans Stimmann, "wie alle Architekten, in einem Haus, von dem ich überzeugt bin, dass es besser ist als die Moderne".

Blick auf eine Blockrandbebauung

Ein schlanker, weißhaariger Mann mit Schnäuzer, in Schwarz gekleidet, mit weißem Hemd, empfängt an der Tür der Altbauwohnung. Nach allem, was man über Hans Stimmann gehört hat, überrascht seine dynamische und sympathische Erscheinung.

Dass er im März Siebzig wird, sieht man ihm nicht an. Er bittet in ein großzügiges, modern eingerichtetes Arbeitszimmer mit imposant vollgestopfter Bücherwand. In einer Ecke lehnt ein Kontrabass. An den Wänden Zeitungsausschnitte, Cartoons, Familienfotos.

Im Hintergrund läuft Klezmer. Kurzer Blick aus dem Fenster: Das Eckhaus rechts gegenüber ist ein Paradebeispiel geschlossener Berliner Blockrandbebauung der Nullerjahre, entworfen von den Brüdern Patschke, Architekten des Hotels Adlon.

Honorarprofessur an der Uni Dortmund

Hans Stimmann bringt Espresso und Wasser. Er schaltet die Stereoanlage aus, erzählt. Für einen Pensionär führt er ein abwechslungsreiches Leben, als Vortragsreisender und international gefragtes Jurymitglied schlägt er Kapital aus dem Wissen, das er als Senatsbaudirektor erworben hat.

Am "Institut für Stadtbaukunst" der Technischen Universität Dortmund bekleidet Stimmann eine Honorarprofessur, mit Daniel Libeskind und anderen entschied er im September über den Bau eines in Danzig geplanten Weltkriegsmuseums.

In Moskau saß er soeben der Wettbewerbsjury für die "A 101 Block City" vor – ein im Süden der Stadt auf dreizehntausend Hektar geplantes Wohnareal für Angehörige mittlerer und oberer Einkommensschichten, nach dem Vorbild europäischer Suburbs.

Vortrag vor polnischen Architekten in Stettin

In Stettin hat er einen Vortrag vor dem Polnischen Architektenverband gehalten und an den Stettiner Bahnhof in Berlin erinnert. Dessen Gebäude an der Invalidenstrasse ließ die DDR in den fünfziger Jahren sprengen, "wie das Schloss".

Die Beziehung Stettin-Berlin sei wie ausgelöscht. "Stettin ist doch unser alter Hafen", sagt der bekennende Hanseat Stimmann, "merkwürdig, dass wir nicht intensiver zusammenarbeiten". Seiner Heimatstadt Lübeck, deren Bausenator er war, bevor er 1991 nach Berlin kam, widmet er zurzeit ein Forschungsprojekt über die Jahre 1942-1959.

Stimmann zeigt sich von Polen "emotional sehr angerührt". Der Wiederaufbau der Bürgerhäuser in der Danziger Altstadt etwa sei ein respektables Ereignis, ein Musterbeispiel kritischer Rekonstruktion, nur eben unter sozialistischen Vorzeichen, also ein Hybrid.

Stimmann spricht über das Thema "Sozibau"

"Und das heißt mehr Fassade, als mir hier immer vorgeworfen wird. Da gibts ein Kaufmannshaus, das aber nicht von Kaufleuten bewohnt wird, sondern von hinten aussieht wie ein Wohnblock. Jede Etage hat einen anderen Bewohner, es ist sozialer Wohnungsbau – ich sage immer Sozibau. Die Lehre, die man daraus ziehen kann: es genügt nicht, eine Kulisse aufzubauen. Zur Lebendigkeit einer Stadt gehört das Thema Hauseigentum und Individualität, das darf nicht gespielt werden."

Am Morgen vor dem Treffen hat Stimmann einen Vortrag an "European School for Management and Technology" im ehemaligen Staatsratsgebäude am Berliner Schlossplatz gehalten.

"Eine schrille Gegend", sagt er, "St. Marien ist das einzige Haus, das da noch steht. Das könnte man auch vermarkten, als eine Art Pompeji. Aber die Europäische Stadt finde ich dann doch besser. Ich nenn das Heimatkunde. Das liegt mir am Herzen. Ich bin ja Berliner. Und was mich am meisten motiviert, ist diese Abwesenheit von Wissen."

Stimmann beklagt Wissensmangel bei Bürgern

So wisse keiner, an welcher Straße das Marx-und-Engels-Denkmal stehe. Dass das bis 1970 die Heiligengeiststraße war, eine der ältesten Straßen der Stadt, an der viele berühmte Berliner gewohnt haben:

"Die Ossis wissen es nicht, weil sie groß geworden sind ohne Heimatkunde. Die Westberliner halten es für Ostberlin. Die Neuberliner sagen: das war immer leer. Man muss als Berliner doch wissen, wo man herkommt. Wo mal die Petrikirche stand, da nagelt man heute rüber mit seinem SUV. Über das Grundstück, wo St. Petri gestanden hat. Banausig!"

Stimmann bezeichnet sich emphatisch als Anhänger einer "europäischen Stadtkultur". Dazu gehört, dass sich Städte auf ihr Zentrum beziehen, auf ihre Burg oder ihr Schloss.

Stimmann spricht über "ökonomische Verhältnisse"

"In Berlin findet man keinen Ort, an dem das losging, da ist eine Leerstelle. Wir sind noch nicht wieder angekommen in der europäischen Geschichte, wir arbeiten noch an diesem Thema, wie die Leute in Stettin. Und das ist ein Teil der Arbeit, wieder Bürger Europas zu werden."

Wenn man die Berliner Altstadt um St. Marien rekonstruiert, dann rekonstruiere man nicht eine Altstadtkulisse vom Neuen Markt oder von der Heiligengeiststraße, so Stimmann, sondern man rekonstruiere ökonomische Verhältnisse, indem man sagt: Wir teilen dieses riesige Staatsgrundstück wieder auf in private Grundstücke an individuelle Eigentümer und lassen die ein Haus drauf bauen.

"Jeder, der sich in Brandenburg ein Haus bauen will, den muss man an der Grenze anhalten und ihm ein Grundstück anbieten, worauf er ein Townhouse bauen kann".

Andere Architekten protestieren gegen Stimmann

Und was passiert, wenn die Berliner Innenstadt nur noch vom zahlungskräftigen Mittelstand bewohnt wird? Bedeutet das nicht einen Verlust an Urbanität und sozialer Mischung? "Sie reden ja wie ich als junger Juso, das ist doch alles Tüddelkram", sagt er im norddeutschen Duktus. "Wir brauchen in der Innenstadt Leute, die in die Geschäfte gehen, in Cafés und Restaurants".

Stimmann ist bei seinem Lieblingsthema angekommen, den Berliner Stadthäusern und damit auch bei seinem Buch, das bereits vor Erscheinen in der Berliner Architektengemeinde für Aufregung sorgt.

Büros wie BAR, Kaden Klingbeil oder Brandlhuber+ wollten ihre Projekte nicht von diesem Band vereinnahmt wissen, wandten sich im November in einem offenen Brief gegen den bis heute durch seinen Herausgeber propagierten, bilderfixierten Städtebau. Ihre Absicht war, eine neue Berliner Architekturdebatte in Gang zu bringen.

Stimmann will den "Abschied von der Wohnmaschine"

Stimmann gibt sich verwundert darüber: "Ich habe gedacht, ich tu denen einen Gefallen, wenn ich die Typologien da mit hinein nehme." Doch so egal scheint ihm der Protest der jüngeren Architektengeneration dann wieder nicht zu sein. Wer es, setzt er ein wenig aggressiv nach, wie der Architekt Alois Brandlhuber, mit seinem Haus auf die "frontpage" des Magazins "AD" schaffe, solle sich nicht als Sozialkämpfer gerieren.

In seinem Buch habe er den "Abschied von der Wohnmaschine" veranschaulichen wollen. Er sei viel mit dem Fahrrad in Berlin unterwegs gewesen, um prägnante aktuelle Beispiele dafür zu finden. Brandlhuber, sagt er, sei Ideologe.

Mit Ideologen meint Stimmann alle, die nicht seiner Idee von der Europäischen Stadt anhängen. "Je älter die Stadt ist, desto mehr liefert sie das Programm, das der zeitgenössische Mensch im digitalen Zeitalter braucht."

An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt ein kariertes Blatt Papier auf dem dieser Gedanke ins Bild gesetzt ist: das Wort "NEU" in großen Lettern. Beim näheren Hinsehen erkennt man dann, dass die Buchstaben durch Kleingedrucktes ausgefüllt sind: Etliche Male nebeneinander steht darin das Wort "Alt".

Auch fünf Jahre nach Ende seiner Amtszeit bleibt Hans Stimmann dem Geist des Planwerks Innenstadt verpflichtet. Er bereut nichts und fühlt sich wohl in der Welt, die ihn umgibt.
http://www.welt.de/kultur/article12130314/Stimmanns-Wille-die-Innenstadt-den-Wohlhabenden.html
 

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neutrum
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Ich halte von Stimann ziemlich wenig.

Er ist voellig ungeeignet fuer anspruchsvollere Projekte und hat da auch fast ausnahmslos nur geschadet. Ohne ihn haette es sehr wohl ebenfalls Strukturen gegeben - anders als manche so glauben - aber weit interessantere Bauten - und weiterentwickeltere.

Stimann haette man als "Berliner Stadtrand"-Baumeister einsetzen muessen. Genau dort wuerde alles, was er tat gut passen.
 

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Stadtplanung
Umbaute Leere in Berlins Mitte

Stadtplaner Hans Stimmann wünscht sich eine intensive Debatte über die Mitte der Hauptstadt. Zur Ratlosigkeit im planerischen Umgang mit dem Zentrum der Stadt.

Wer wissen will, wie sich das geteilte Berlin bis 1989 angefühlt hat, besichtige das Kulturforum an der Gemäldegalerie und die alte Stadtmitte mit Rathaus, St. Marien, Molkenmarkt – diese beiden Orte der ehemaligen geistig-politischen Mitte des geteilten Berlins. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall wird hier immer noch die mauerübergreifende Radikalität des Umgangs mit der Geschichte und gleichzeitig die Abwesenheit einer gemeinsamen Mitte sichtbar.

Bis zum November 1989 arbeiteten der Magistrat Berlin (Ost) und der Senat Berlin (West) auch bei der Lösung städtebaulicher Probleme im Zentrum streng getrennt. Das politisch planerische Gegeneinander wurde besonders zur 750-Jahr-Feier 1987 sichtbar.

Dem Ost-Berliner Magistrat, im Besitz sämtlicher Grundstücke der Gründungskerne Berlin und Cölln, war das Stadtjubiläum Anlass für eine Art kritischer Rekonstruktion des Nikolaiviertels. Das neue Altstadtviertel war aber keineswegs Zeichen für eine Renaissance bürgerlichen Lebens, sondern war lediglich städtebauliches Ornament des Staatsraumes der Hauptstadt der DDR.

Zeitgleich dazu fanden im Westen Berlins Debatten über ein programmatisch „Zentraler Bereich“ genanntes Gelände nördlich und südlich des Kulturforums statt. Ausgangspunkt dafür war der städtebauliche Rahmenplan der IBA mit einem Plan von H. Hollein für das Kulturforum und der Ausweisung des Spreebogens als grüne Stadtlandschaft. Den letzten Beitrag zu dieser West-Berliner Debatte über einen „Zentralen Bereich“ an der Mauer lieferte der rot-grüne Senat (1989 bis 1991) mit dem Vorschlag einer „Grüntangente“.

Mit dem Fall der Mauer waren die verkrampften Bemühungen um einen „Zentralen Bereich“ und einen Staatsraum anstelle der Altstadt plötzlich Makulatur. Mit der Bildung des ersten gemeinsamen Senats (Anfang 1991) endete die 40-jährige Phase der getrennten Suche nach einer Mitte. Es begann eine Phase intensiver Planungen und Wettbewerbe, begleitet von Kontroversen über die zukünftige Funktion der verstaatlichten historischen Mitte, die Lage der Parlaments- und Regierungsstandorte, die des neuen Hauptbahnhofes und der Bedeutung des Potsdamer Platzes. Die neuen Areale sind trotz ihres fragmentarischen Charakters inzwischen Orte von höchster Attraktivität: Hauptbahnhof, Parlaments- und Regierungsviertel, Pariser Platz, Potsdamer Platz, Friedrichstraße, Unter den Linden, Museumsinsel, Friedrichswerder. Ausgeklammert sind dagegen bis heute das Kulturforum und die alte Stadtmitte mit Rathaus, Marienkirche und Molkenmarkt. Was man allenfalls spürt, sind die Brüche, die Politik und Planung hier hinterlassen haben.

Nun gehört es zu den Merkmalen Berlins, dass Brüche und das Unfertige die Stadt in Bewegung halten. An dieser berlintypischen politisch-kulturellen Dynamik fehlt es offensichtlich im Umgang mit den beiden teilungsbedingten Leerstellen, nämlich dem Areal der Hauptstadt der DDR anstelle der Altstädte und dem Schloss und dem Kulturforum als der Museumsinsel West-Berlins auf den Trümmern der NS-Nord-Süd-Achse. Der Versuch, diese Areale mit einer je eigenen Funktion für die Stadtmitte zurückzugewinnen, liegt mit dem 1996 aufgestellten „Planwerk Innenstadt“ nun auch schon über 15 Jahre zurück. Folgen hatte dieses strategische Projekt für die beiden Leerstellen nicht.

Natürlich wird auch heute geplant – von Tempelhof über die A 100 bis Tegel. Der Gegenstand dieser Planungen ist jedoch die Peripherie und das Kennzeichen der Zusammenhanglosigkeit. Für sie gibt es weder eine strategische noch eine räumliche Mitte. Es verwundert daher nicht, dass die einzig wirklich kontroverse Debatte die Planung der Autobahn A 100 betrifft, bei der mit den Argumenten West-Berlins der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts für ein aus den 50er Jahren stammendes Konzept gestritten wird.

Ähnliches gilt für die aktuellen parteipolitisch gefärbten Debatten über die Weiterentwicklung der ehemaligen Altstadtareale. Nur geht es hier nicht um ein Problem der Erschließung des Zentrums durch eine Stadtautobahn, sondern um die Geburtsorte Berlins, die von einer stadtautobahnähnlichen Schneise brutal durchschnitten werden. Der Radikalität, mit der die historische Mitte mit Altstadt und Schloss abgeräumt wurde, entspricht der Ratlosigkeit der politischen Parteien im Umgang mit diesem Ort, dessen Erinnerung allenfalls bis in die 60er Jahre zurückreicht. Die Grünen sind für eine grüne Mitte, die Linke für die Erhaltung des Status quo, die SPD weiß nicht, was sie will, und die Sorge der CDU und FDP gilt allein dem Autoverkehr. Bei der CDU scheint allerdings ein Prozess des Umdenkens in Gang zu sein. Was hier aber parallel zum Bau des Humboldt-Forums ansteht, ist so etwas wie die Neugründung der wiedervereinigten Stadt, deren Bild heute fast in jedem Detail nur die Geschichte der Herrschaft einer Parteiendiktatur erzählt.

Beginnen könnte man mit der Umgebung der buchstäblich vergrabenen Marienkirche, um ihr wieder Maßstab und Würde zurückzugeben. Ähnliches gilt für das Rathaus, das Stadthaus und die Klosterkirche. Generell fehlen die verbindenden und angemessen dimensionierten Straßen und Plätze für Wohn- und Geschäftshäuser. Dabei muss schon positiv vermerkt werden, dass über den Umgang mit der Leere vor und hinter dem Rathaus überhaupt gesprochen wird. Denn um die Zukunft des Kulturforums herrscht seit dem Beschluss des Senats über einen Masterplan im Jahre 2005 parteiübergreifendes Schweigen. Dieses in den 60er Jahren als Antwort des West-Berliner Senats auf die Museumsinsel geplante Quartier dämmert buchstäblich im Schatten des Potsdamer Platzes vor sich hin. Den räumlichen Mittelpunkt bildet die Matthäikirche, die daran erinnert, dass hier einmal ein bürgerliches Wohnquartier seinen Mittelpunkt hatte. In diesem „Dahlem der Jahrhundertwende“ wohnte von Lorenz Adlon bis Carl Zuckmayer die wirtschaftliche, kulturelle und politische Elite Berlins in Villen und Stadthäusern, die zum Besten gehörten, was die Stadt um 1900 an Privatarchitektur hervorgebracht hatte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeigte sich das Quartier als Trümmerlandschaft mit dem monumentalen Fragment des „Hauses des Fremdenverkehrs“ aus der NS-Zeit, das im Oktober 1962 gesprengt wurde. Für den Bau des Kulturforums wurden dann bis auf die Kirche und die Villa des Verlegers Paul Parey sämtliche kulturellen und architektonischen Spuren beseitigt. Die systematische Zerstörung betraf auch den Stadtgrundriss als Träger des Stadtgedächtnisses.

Der Autor war bis 2006 Senatsbaudirektor in Berlin. In den neunziger Jahre entwickelte der Architekt und Stadtplaner maßgeblich das „Planwerk Innenstadt“ und setzte sich für einen kontextuellen Städtebau im Sinne der „Kritischen Rekonstruktion“ ein.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/umbaute-leere-in-berlins-mitte/4043614.html
 

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Seh ich genauso. Aber vielleicht nicht ganz so verbissen.

Meiner meinung nach ist es unausweichlich, dass die historische Mitte "kritisch rekonstruiert" wird. Für den Teil zwischen Rathaus und Stadthaus gibts ja schon sehr konkrete Vorstellungen. Ich denke da werden wir in einigen Jahren was zu sehen bekommen. Die Wohnbebauung um die Friedrichwerdersche Kirche, die Bauakademie die wieder aufgebaut werden soll, das Stadtschloss. Auch das alles schon sehr konkrete Vorhaben in der historischen Mitte.

Auch die Anzahl der Stimmen die das Marx-Engels-Forum bebaut sehen wollen sind meiner Meinung nach im Wachsen begriffen. Bzw. überwiegen bereits.

Also so langsam nähert man sich der Lösung für die historische Mitte doch an.
Durch Ausschlussverfahren sozusagen.

Einzig offen ist die Frage nach dem namenlosen Platz zwischen Fernsehturm, Rathaus und Marienkirche. Letztes Jahr gabs da doch ein paar Vorschläge im Zuge eines Wettbewerbes. Obwohl die Vorschläge eigentlich überwiegend lächerlich unbrauchbar waren, regten sie doch erstmalig überhaupt die Diskussion um dieses Gebiet an, was ich sehr gut finde.

Aber ich schätze bis da eine endgültige Lösung gefunden ist, wird noch einiges an Zeit ins Land gehen..


Was das Kulturforum betrifft...das scheint wirklich kollektive Leere im Kopf zu herrschen. Oder man traut sich nicht, zuzugeben, dass dieses Musterprojekt der Nachkriegsarchitektur in West-B. ein Reinfall ist und dort dringend was getan werden sollte.
 

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neutrum
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1. ist doch voelliger Quatsch Berlin mit Pristina zu vergleichen (dies noch auf einen Absatz im Welt-Artikel)

2. In der Diskussion geht staendig unter, dass wie ich bereits mehrfach sagte, auch andere deutsche und europaeische Staedte voellig ohne Stimann im wesentlichen ganz genauso gebaut haben, nur eben weniger grosse kleine Kaestchen ...

Stimann besteht daher vor allem aus heisser Luft ...
Der Irrtum beginnt bereits damit zu mutmassen, dass ohne Stimann ploetzlich das vermeintliche Gegenteil gebaut worden waere ...
Ist doch reiner Unfug ... ein Polarisationseffekt einer ueberhitzten Diskussion ...

3. Was heisst eigentlich "funktionieren"? Der eindeutig haessliche Muenchner Hauptbahnhof funktioniert auch, weil es eben eine Hauptbahnhof ist. Umgekehrt sind viele Stimannsche Gegenden eher leer. Sie funktionieren, einfach weil sie da rumstehen?
Auch hier viel heisse Luft ...

4. Stimannsche Vorstellungen zerstoeren den echten Charme Berlins, naemlich die Vielschichtigkeit und Brueche, die Tiefe ...

Er hat es nicht geschafft vielschichtig zu bauen, weil er eindimensional denkt. Er will eben begradigen, egalisieren ...

Ohne ihn haette die Chance bestanden metropolitisch, urban und vielschichtiger zu bauen ...

Wie ich schon mal sagte: er wirkte am falschen Platz. Eigentlich sollte er in China, Saudi Arabien, Dubai oder in die USA wirken, hier in Berlin eher am Stadtrand, in den Plattenbaugegenden oder sonstwo, also gerade nicht in Mitte...
 

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Als Berlin nach dem Mauerfall wieder vereint wurde, schlug die große Stunde der Stadtplaner und der Landschaftsarchitekten. Es galt, die durch die Mauer geteilten Straßen und die durch Sozialismus und Abrisswut der Nachkriegszeit aus dem Stadtbild radierten Schmuckplätze wiederherzustellen.

Klaus-Henning von Krosigk ließ als oberster Gartendenkmalpfleger Berlins vergessene Plätze wie den Pariser oder Schinkelplatz Platz wieder aufbauen. Er feiert am 3. September seinen 66. Geburtstag und scheidet damit aus dem Dienst des Landes Berlins aus. Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD) würdigt von Krosigks Werk.

Das Thema der Rekonstruktion ausgelöschter Straßen und Plätze und noch mehr der abgerissenen Gebäude bewegt nicht zuletzt wegen der Berliner Schlossdebatte die Köpfe und Gemüter. Das Für und Wider füllt die nationalen und lokalen Feuilletonspalten, belebt Podiumsdiskussionen, lässt Bürgerinitiativen gedeihen und beschäftigt nicht nur Denkmalpfleger, sondern vor allem Architekten mit der Ausgangsfrage: Darf man zerstörte Gebäude rekonstruieren?

Ausgangspunkt ist die vor mehr als 100 Jahren eingenommene denkmalpflegerische Grundposition, die da lautet: "Konservieren und nicht Restaurieren". Hauptargument gegen Rekonstruktion war und ist aus gutem Grund der Verweis auf die Nichtwiederholbarkeit künstlerischer Leistungen sowie auf die Tatsache, dass baukünstlerische Werke Gebrauchsspuren annehmen, Patina ansetzen, also Alter annehmen und nicht nur suggerieren.

Umso bemerkenswerter, dass ausgerechnet in Berlin, energisch gefördert vom stellvertretenden Leiter der Landesdenkmalbehörde, Klaus-Henning von Krosigk, die beim Publikum beliebtesten innerstädtischen Plätze sich als Rekonstruktionen oder auch als Annäherung an die ehemalige gartenarchitektonische Gestalt erweisen. Im Unterschied zu der ideologisch aufgeladenen Debatte über städtebauliche und erst recht architektonische Rekonstruktionen verliefen die in der Regel internen Gespräche über gartenarchitektonische Rekonstruktionen so lautlos wie das Wachsen des Grases ("Der Spiegel").

Diese Unaufgeregtheit liegt vor allem in der Materialeigenschaft einer Parkanlage, einer Allee oder eines Gartens. Parks und Gärten bestehen vor allem aus lebendem, vergänglichem Material, das auch im alltäglichen Umgang oft jahreszeitlich erneuert werden muss. Der denkmalpflegerische Substanzschutz bezieht sich daher lediglich auf den buchstäblich gebauten Teil eines Gartens, also auf seine Mauern, Zäune, Brunnen, Denkmäler, Pavillons und auf sein Wegesystem.

Die Natürlichkeit von Gartenkunst bildet im Zusammenwirken mit den unauslöschlichen Erinnerungen gemalter oder fotografierter Bilder die Grundlage dafür, dass auf etlichen hässlichen Spuren die gartenarchitektonischen Muster des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gelegt wurden. Entstanden sind so zur Freude der Berliner und der Touristen Plätze, Parkanlagen und Promenaden oft als "kritische" oder tatsächliche Rekonstruktionen. Die Rede ist vom Pariser Platz, Hausvogteiplatz, Schinkelplatz, vom Forum Fridericianum mit dem Bebelplatz. Dazu kommen die Rekonstruktionen im östlichen Teil des Tiergartens, den auf Lenné zurückgehenden Alleen im Tiergarten sowie den Plätzen außerhalb des Zentrums. Exemplarisch hierfür stehen der Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg und die Rekonstruktion des Luisenstädtischen Kanals mit dem Engelbecken in Kreuzberg.
Wiederentdeckung privater Gärten

Diese Wiederherstellung öffentlicher Parks und Plätze folgte die Wiederentdeckung des ungeheueren Reichtums privater Villen- und Landhausgärten und Parkanlagen ehemaliger Güter. Sie waren einst Bestandteil des Wohn- und Lebensgefühls des bürgerlichen Berlins sowie Ausdruck der höchsten Ansprüche an Architektur und Gartenkunst.

Berühmt geworden sind zum Beispiel der Garten der Villa Lemm in Gatow, in der Weimarer Republik Treffpunkt der geistigen Elite (A. Einstein, Max Slevogt u. a.), die Gärten der immer wieder vom Hausherrn gemalten Motive der Villa Liebermann oder die Stadtgärten der Villa Grisebach und des benachbarten heutigen Literaturhauses an der Fasanenstraße. Nur noch dort wird in dem Zusammenspiel von Villenarchitektur und der 1986/87 wiederhergestellten Hausgärten etwas von der Qualität des landschaftlich gestalteten Villengartens des ausgehenden 19. Jahrhunderts erfahrbar. Die gepflasterten Gartenwege, die Ziersträucher, Rosen, Skulpturen, großen Bäume, ja sogar der Zaun bilden heute den Rahmen für einen stilvollen Aufenthalt.

Klaus-Henning von Krosigk leitet bis in diese Tage das 1978 gegründete Amt für Gartendenkmalpflege. Die Gründung erfolgte zu einer Zeit, als sich das Interesse an historischen Parks und Gärten auf einem Tiefpunkt befand. Es dominierte die Suche nach einem Parkplatz, nicht nach gartenkünstlerischer Wiederherstellung.

Die Beliebtheit der wiederhergestellten Plätze, Alleen, Parks, aber auch der privaten Gärten hat viele Architekturkritiker genauso überrascht wie die Nachfrage von Wohnungen der sogenannten Altbauten des späten 19. Jahrhunderts. Spiegeln doch traditionell gestaltete Plätze und Parkanlagen längst überwunden geglaubte Gesellschaftsordnungen mit den dazu gehörigen bürgerlichen Verhaltensmustern und gartenarchitektonischen Schönheitsmustern wider.

Die Auflösung des Rätsels ist einfach: Trotz der unvergleichlichen Beschleunigung des Lebens durch gestiegene Mobilität, Virtualität, Globalisierung gibt es offensichtlich gerade auch in der Stadt so etwas wie ein archaisches Bedürfnis nach kultivierten Außenräumen. Ein Park mit großen alten Bäumen, eine zum Flanieren einladende Promenade, ein Platz mit Bänken, Brunnen und jahreszeitlich wechselnden Bepflanzungen sowie schöne Pflasterungen im Licht der Tages- und Jahreszeiten bleiben trotz hoch auflösender Flachbildschirmparadiese ein unverzichtbarer Teil europäischer Stadtkultur. Parks und Plätze sind Orte des Anderen, Orte der Entschleunigung, der Kontemplation, der schönen Bilder und persönlichen Begegnungen.

Viele von ihnen in Erinnerung gerufen zu haben, verdanken wir Klaus-Henning von Krosigk.
http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article1746753/Der-Meister-der-Oasen.html
 

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Für Hans Stimmann ist es an der Zeit qualitativ hochwertige Hochhäuser am Alex zu bauen. Stimmann geht auf Konfrontationskurs zu der aktuellen Senatsbaudirektorin Lüscher.


Der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann wirbt für eine Korrektur der Hochhausplanung am Alexanderplatz. Im Interview erklärt er, warum der Alexanderplatz anders als der Potsdamer Platz nie fertig geworden ist.

Unter seiner Ägide ist vor rund 20 Jahren die Hochhausplanung für den Alexanderplatz entstanden. Jetzt rückt der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann davon ab. Er spricht sich dafür aus, die Planung zu modifizieren und niedrigere Häuser zu bauen.

Herr Stimmann, wann waren Sie zuletzt auf dem Alexanderplatz?

Vor ein paar Monaten auf einem Parteitag der SPD in der Kongresshalle. Ich bin aber oft in Mitte unterwegs und steige häufig am Alexanderplatz um.

Und wie wirkt der Platz auf Sie?

Der wirkt so wie alle Orte, die unfertig sind. Damit ist er ein typischer Berliner Platz, denn Berlin ist ja eine Stadt, die sprichwörtlich immer im Werden ist und deswegen nie fertig ist. Wenn jemand einen beispielhaften Ort für diese Entwicklung suchen sollte, etwa ein Filmemacher, würde ich ihm sagen, gehen Sie zum Kulturforum oder zum Alexanderplatz. Für diese Orte gab es zu unterschiedlichen Zeiten weitreichende städtebauliche Pläne für gesellschaftliche Utopien, die dann aber doch nur ein Fragment geblieben sind.

Dabei sollte doch auf dem Alexanderplatz alles viel schöner werden nach der Wiedervereinigung. Warum ist der Alex nicht wie der Potsdamer Platz fertig geworden?

Das liegt eindeutig daran, dass den Eigentümern und Investoren die Luft ausgegangen ist oder genauer gesagt, dass sie sich enorm verschätzt haben in ihren Erwartungen. Ich kann mich gut erinnern an die früheste Phase des Wettbewerbs (1992) zur Neugestaltung des Alexanderplatzes. Die sieben Investoren konnten gar nicht genug Flächen für Büros, Einzelhandel und Hotels bekommen, Wohnungen waren weniger gefragt, die genehmigten Mengen entsprachen also gar nicht so sehr den Vorstellungen des Senats, sondern denen der privaten Unternehmen, zu denen übrigens auch der Verlag Gruner + Jahr zählte (dem damals die Berliner Zeitung gehörte, d. Red.). Der Alexanderplatz hat sich aber auch im Planungsverfahren schwerer getan. Der Bebauungsplan wurde erst im Jahr 2000 festgesetzt, also viel später als am Potsdamer Platz.

Wäre der Alexanderplatz heute schöner, wenn die zehn 150 Meter hohen Turmhäuser stehen würden, die nach dem preisgekrönten Entwurf des Architekten Hans Kollhoff dort gebaut werden können?

Ja. Wäre der Entwurf realisiert worden, wäre die Gestaltung sicher ein weltweit beachtetes Beispiel für Cityentwicklung in Europa, an deren Schönheit sich Planer, Architekten und Touristen ergötzen würden. Wenn ich in anderen Ländern Vorträge über Berliner Architektur halte, dann zeige ich immer die Planung für den Alexanderplatz als ein Beispiel dafür, wie man die Innenstadt gut gestalten kann und dabei kommerzielle Erwartungen und Ansprüche an gut gestaltete öffentliche Räume zusammenbringt. Im Gegensatz zu Shanghai, Hongkong, Dubai oder Moskau mit teils wilden Agglomerationen von Hochhäusern, die auf einem Shoppingcenter stehen und von einer Autobahn umgeben sind. Am Alexanderplatz ist versucht worden, Stadträume zu gestalten. Der Ansatz wird nach wie vor international bewundert.

Am Alexanderplatz gibt es auch ein Shoppingcenter.

Ja, aber im Mittelpunkt steht ein verkehrsfreier Platz. Der ist auch nicht umstellt von Hochhäusern, sondern in der Planung von einer 40 Meter hohen Platzrandbebauung umgeben, aus der die Hochhäuser empor wachsen. Die Hochhäuser kommen zudem nicht als wilde Komposition daher, sondern sie sind alle gleich hoch, alle Architekten müssen sich also in die städtebauliche Disziplin nehmen lassen. Es gibt keinen Triumph eines einzelnen Investors. Es zählt das Ensemble.

Bisher wurde noch keines der Hochhäuser am Alex errichtet. Erst jetzt, nach 20 Jahren, will mit dem US-Unternehmen Hines der erste Grundstückseigentümer einen der Türme bauen. Hatten Sie damit gerechnet, dass es soweit kommt?

Eigentlich habe ich immer damit gerechnet. Und ich rechne auch heute noch damit, dass weitere Hochhäuser kommen. Denn nach der Hängepartie bei der Nachfrage ist zum Beispiel der Hotelmarkt geradezu explodiert. Wenn ich mit meinem Fahrrad durch die Stadt fahre, sehe ich viele Schilder, auf denen zu lesen ist „Hier entsteht ein neues Hotel“. Berlin boomt ja von Touristen und man fragt sich, warum am Alex nicht einer dieser Türme von einem Hotel-Investor gebaut wird. Wahrscheinlich sind die Grundstückspreiserwartungen zu hoch.

Ausgerechnet Hans Kollhoff hat jetzt mit Blick auf die wenig attraktiven Neubauten am Alex, wie dem Einkaufszentrum Alexa und dem Saturn-Gebäude, erklärt, er werde sich am Wettbewerb für das erste Hochhaus nicht beteiligen. Können Sie ihn verstehen?

Ich kann seinen Frust verstehen, natürlich. Das Saturn-Gebäude ist genau das Gegenteil von dem, was er sich vorgestellt hat. Das ist ein typisches Investorenprojekt (Architekten RKW), das jeglichen Kostenaufwand gespart hat. Aber Hans Kollhoff hätte die Chance, ein gutes Wohnhochhaus zu bauen. Deswegen finde ich es schade, dass er sich dem Wettbewerb verweigert.

Was ist denn der Grund dafür, dass das Saturngebäude eine so schlichte Architektur erhalten hat?

Die Entscheidung war Folge aus dem Bebauungsplan. Er sah die Möglichkeit vor, die Realisierung des Sockelgebäudes von dem Hochhausbau zu trennen. Der Grund dafür war das Flächenvolumen: Jeder Block mit Hochhaus hätte 90.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Dadurch, dass die Flächen im Sockelgebäude für Einzelhandel vorgesehen waren und im Turm Büros entstehen sollten, hat sich niemand gefunden, der beides realisieren wollte. Der Senat hat sich deswegen mit den Investoren darauf verständigt, dass Sockelgebäude und Turm isoliert voneinander gebaut werden können. Das war auch vernünftig, auch wenn das Ergebnis höchst fragwürdig ist. Und eines der Beispiele haben Sie genannt: Alexa. Für das Projekt gab es einen Wettbewerb, zu dem auch der Bau eines Hochhauses gehörte. Es wurde nur bis heute nicht gebaut. Deswegen sieht das Shoppingcenter auch so missraten aus, nicht nur wegen der eigenwilligen Farbigkeit. Und so ähnlich ist es mit dem Saturn-Gebäude. Das Saturn-Gebäude ist noch belangloser in seinem Auftritt, weil es so nüchtern ist wie ein Gewerbebau und keine Anstalten macht, dem Platz etwas zu geben. Dieser Eindruck würde aber stark relativiert werden durch den Bau des Hochhauses.

Warum haben Sie beim Bau des Saturn-Gebäudes auf einen Architekturwettbewerb verzichtet?

Es gab zwar keinen Wettbewerb, aber mehrere Entwürfe, die uns von dem Investor Hines vorgelegt wurden. Unter den Entwürfen war der Entwurf von RKW noch der Vernünftigste. Aber das Hauptproblem für den Alexanderplatz besteht darin, dass die Menge an Flächen, die hier geplant wurde, nichts mit der wirklichen Nachfrage zu tun hatte.

Wenn die Planung zu ehrgeizig gewesen ist und eine Bebauung sogar verhindert hat, sollte man dann die Chance jetzt nicht nutzen, um die Planung zu modifizieren?

Ja. Jetzt wäre der richtige Moment. Ich kann mir zum Beispiel eine Absenkung der Hochhaus-Traufhöhe von 150 auf 100 Meter vorstellen, aber es muss dann wieder eine städtebauliche Komposition geben. Wenn man den Bebauungsplan ändern will, muss man ihn allerdings jetzt ändern – schon für das Hines-Projekt. Wenn man Hines 150 Meter bauen lässt, müsste man in dem Sinne weiterbauen, sonst entsteht am Ende ein Wildwuchs à la Dubai.

Wie wäre die Planung zu ändern?

Das Einfachste ist, den Bebauungsplan beizubehalten und nur die Höhe der Häuser und damit die maximale Geschossfläche anzupassen. So könnte die Planung zugunsten einer größeren Realisierungschance mit einer vergleichsweise kleinen Operation verändert werden. Dazu müsste aber eine Konferenz mit allen Eigentümern durchgeführt werden, die ja schließlich städtebauliche Verträge mit dem Senat abgeschlossen haben.

An der Hochhausplanung für den Alex wurde auch kritisiert, dass sie die DDR-Moderne mit dem Fernsehturm zu wenig berücksichtigt.

Der Kollhoff-Entwurf respektiert den DDR-Städtebau durchaus. Er formuliert mit den Hochhäusern nämlich einen städtebaulichen Abschluss für die Karl-Marx-Allee. Die Hochhäuser sind außerdem schon in der alten Planung niedriger als der Fernsehturm. Die Dominanz des Fernsehturms in der Stadtsilhouette bliebe bei einer modifizierten Planung noch mehr erhalten.

Die Fragen stellte Ulrich Paul.
http://www.berliner-zeitung.de/alex...e-der-richtige-moment-,22289878,22306822.html
 

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Berlin hat sein architektonisches Gedächtnis verloren, klagt Hans Stimmann. Schönheit lässt sich aber nicht verordnen, schreibt der ehemalige Senatsbaudirektor in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. Eine Replik auf Daniel Libeskind.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/k...as-gegenteil-von-nachhaltigkeit/11381668.html

Wurden nicht unter Stimmann diese Kästen von Cubix, Alea und Motel One am Alex genehmigt? ^^
 

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Motel One wohl nicht. Aber fragen muß man, wie das konkret mit Saturn und Alexa aussah. Die beiden Sachen fallen wohl noch in seine Amtszeit. Was war da los? Warum hat er die verhängnisvolle Umplanung des Hines-Geländes ermöglicht, das uns jetzt Riesenprobleme mit der BVG bringt und auch ästhetisch fragwürdig ist?

Fallen euch noch andere Gebäude ein? Das Grundkorsett von Stimmann finde ich richtig. Man hätte sogar noch mehr auf Historisierungen setzen sollen, welche ja bereits in den 90ern sehr gefällig aussehen konnten. Darüberhinaus hätte man aber auch vereinzelt gezielt Freiräume schaffen sollen, wo dann auch mal Herr Libeskind sein Ding hätte drehen können. :)

Also die Grundstruktur sollte sehr dominant und erkennbar sein, aber vereinzelt aufgebrochen werden, um Frische hineinzubringen.
 

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LIBERTINED
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Welche Strukturen wolltest du denn genau aufbrechen? Berlin hat doch noch genügend riesige Brachflächen, die eine Bespaßung durch Spaßarchitekten gestatten. Was hätte man sich herrlich in der Mediaspree oder im Europaviertel austoben können...
Die durch Stimmann vorangetriebene neuerliche Stadtwerdung war enorm wichtig. Unter Lüscher hätte man den DDR-Städtebau im Prinzip auf ganz Berlin ausgeweitet, mit der einhergehenden "Architektur". Die Regulatrix ist die größte Katastrophe für Berlin seit der Wiedervereinigung.
 
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