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Ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Villa Reemtsma zu besichtigen und fand das Haus mit seinen 2200 m² sehr eindrucksvoll. Es handelt sich wohl um eines der aufwändigsten Privatbauten aus den frühen dreißiger Jahren.

Die Villa wurde für Philipp F. Reemtsma von Martin Elsässer 1930-1932 im Stile des Neuen Bauens errichtet und bis nach dem Krieg durch die Familie genutzt.

Das Haus - das Projekt hatte den Titel »Haus K in O« (=Haus Kreetkamp in Othmarschen) - liegt in einem 8 ha großen Park östlich vom Jenischpark.
Nordseite:


Hier zunächst einmal ein Link auf googlemaps

Die Gelände reicht von der Parkstraße bis zur Holztwiete, westlich davon der Jenischpark. die derzeitige Satelliten-Aufnahme ist offenbar vom Sommer vorigen Jahres. Die Gebäude mit den hellen Dächern sind die ehemaligen Verwaltungsgebäude, die Villa ist der Komplex mit den dunklerem Dach etwas links von der Mitte. Das Areal ist ein privates Gelände, das zur Parkstraße (im Westen) durch einen Zaun abgesichert ist, der südöstliche Teil des Geländes ist ein öffentlicher Park.

Die Stadthäuser sind auf der Aufnahme schlecht auszumachen, wahrscheinlich teilweise auch erst nach der Aufnahme entstanden. Auf dem Areal sind 57 Mietwohnungen zwischen 100 und 350 m² untergebracht. Unter der Grünfläche ist eine riesige Tiefgarage, die Einfahrt ist neben dem Pförtnerhaus zu erkennen.

Eine Umgestaltung im Inneren erfolgte 1939/40 ebenfalls durch Elsässer. Hier wurden erhebliche Änderungen im Stile der NS-Zeit vorgenommen. Reemtsma stand Hermann Göring nahe, gegen ihn wurde in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verhandelt.



1953/54 wurden durch Godber Nissen Verwaltungsgebäude auf dem Gelände errichtet und die Villa als Kantine umgestaltet. In diesem Zuge wurden auch die Außenverkleidung (grünliche Keramikplatten von Gail) nahe am Vorbild erneuert.

Der gesamte Bau ist sehr aufwändig, viele der deckenhohen Fenster waren versenkbar ausgeführt.

Heute steht das Haus unter Denkmalschutz und wird restauriert, eine Vermietung durch die Geschwister Herz, die Eigentümer sind, ist beabsichtigt.

Allgemein ist eine Besichtigung nur im Rahmen von Führungen möglich. die aber wohl immer einmal wieder angeboten werden.

Wir waren in einer Gruppe von 20 Leuten begleitet von einem Ingeneur des Denkmalschutzes und einem Architekten vom Büro Helmut Riemann, die den derzeitigen Umbaut / Restaurierung durchführt.

Zunächst einmal beeindruckt die Größe des Areals, das einen Bestand an alten Bäumen hat und recht zurückhaltend bepflanzt ist. Der Rasen ist wellig angelegt. Es wurde darum gebeten, von den Wohnhäusern keine Fotos zu machen, daher sind hier nur Fotos der Villa und der Verwaltungsbauten vorhanden.

Ungewöhnlich ist die helle, leicht grüne Verkleidung mit Keramik. Bei der ersten Annäherung von der Seite mit dem Haupeingang ist die Größe nicht einzuschätzen. An der überdachten "Vorfahrt" ist ein Windfang, der durch seine grossen kupfernen Heizkörper auffällt. In die mit künstlichem Marmor verputzte Halle führt eine geschnitzte Tür, die aus den NS-Ära-Umbauten stammt.

Südseite: Links das Gartenzimmer, rechts daneben die Schwimmhalle und das Wohnzimmer:



Bibliothek von außen:


Schwimmhalle von Nordwesten:


Die Eingangshalle wird durch drei Oberlichter und eine vollständige Verglasung im Obergeschoß (Rahmen aus Chrom und Messing) belichtet. Neben dem recht sachlichen ursprünglichen Stil Elsässers wirken die späteren Einbauten (Kamin in der Halle, Tür zum Esszimmer, Balkendecke in der Bilbliothek) recht befremdlich. Die Holzbalkendecke der Halle mit Konleuchtern wurde zurückgebaut.


Damengarderobe:

Etliche Räume sind mit Holz vertäfelt, viele Räume haben eine indirekte Beleuchtung und immer deckenhohe Fenster aus Mahagoni und zum Teil aus Bronze. In den mit Holz vertäfelten Räumen sind Schalter und Steckdosen aus schwarzem Bakkalit.

Esszimmer mit vergoldeter Decke (Umbau 1940)

Tür:


Bibliothek (1940):

Im grossen Wohnraum stehen einig Säulen, hier war ein schmaler Wintergarten vor der Südfront.


Wohnraum:

Der Rundgang führt über die grosse gerade Treppe ins Obergeschoss mit den privaten Wohnräumen. Etliche Räume sind mit Holz vertäfelt und haben Einbauschränke, ansonsten ist kein Mobliliar vorhanden. Über da Obergeschoß ging es weiter in die Schwimmhalle (becken ist nicht mehr vorhanden), die mit roten dunklen Keramikplatten verkleidet ist, das Schwimmbechen soll grün gekachelt gewesen sein.

Schwimmhalle (nach 1954 Kantine)

Neben dem Schwimmbad liegt das grosse Gartenzimmer mit einem runden Eckfenster.

Gartenzimmer:



Obergeschoß:


Die Raumaufteilung ist derzeit auf die Vermietung an zwei Partien mit Großraumbüros ausgerichtet. Zusätzliche Wände sind nicht vorgesehen.
Die zweite Mietpartei hat einen eigenen Zugang über die Schwimmhalle.

Die große Terrasse ist nach ost mit einem langen rechteckigen Teich gegen den öffentlichen Bereich abgetrennt. Der öffentliche Bereih war wohl ein Deal mit der Stadt, da dies eigentlich ein reines Wohngebiet ist und im Gegenzug für die Nutzun als Veraltung abgegeben wurde.

Auf der Nordseite liegt ein kleiner Hof, der mit Säulen abgetrennt ist.

Die ganze Ausstattung macht einen sehr wertigen Eindruck der mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist.

Die Restaurierung führt zu einem völlig neuen Bild des Objektes, da weder die ursprüngliche Fassung von 1931 noch die der Naziumbauten von 1940 vollständig erricht wird. Im wsentlichen wurden wohl auch die Umbauten von Nissen, der hier einen Teil der Verwaltung und die Kantine untergebracht hatte, zurückgebaut. Einer der Besucher kannte aus eigener Anschauung das Haus aus den sechziger Jahren und hat die starken Änderungen betont. Die Wirtschafträume waren übrigens nicht zugänglich.

Familienräume:


Pförtnerhaus:


Ansicht 1931:


alle Fotos der Besichtigung

hier einmal ein paar Links:
http://www.reemtsmapark.de/html/rp_main.html
http://www.welt.de/print-welt/article188008/Neue_Plaene_fuer_das_einst_teuerste_Privathaus_Deutschlands.html
http://www.manager-magazin.de/life/wohnen/0,2828,617699,00.html
http://www.abendblatt.de/ratgeber/wohnen/article163954/Von-Meisterhand-kunstvoll-renoviert.html
 
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LIBERTINED
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Na, hat ja endlich geklappt mit dem Thread ;)


Ein wirklich interessanter Bau, vielen Dank für's Vorstellen! Ich finde es spannend, wie hier die Strömungen der Zeit zusammenfließen. Wenn die Moderne so weitergemacht hätte, gäbe es sicher wenig zu beanstanden. Und vorallem hätten wir in den Großstädten nicht die heutigen städtebaulichen Probleme.
 

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ausgewachsene mörderkatze
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Interessant... vielen Dank für die Photos. Der Stil der Villa ist eher *gewöhnungsbedürftig*. ICh kann mir nicht vorstellen, dass diese Kacheln jemals gut ausgesehen haben.
 

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Das war damals halt so. Entweder hat man sich an Portugal zu orientieren versucht. Oder einfach bemerkt, dass man fürs Badezimmer zu großzügig Keramik bestellt hat. :D
 

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Alphaist
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Danke für die wirklich interessanten Einblicke. Fazit: Protz ohne Prunk.

Von Martin Elsässer stammt auch der wohl bekannteste Stuttgarter Jugendstilbau, die Markthalle.
 

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Ich weiss nicht, was Buahern oder Architekten zur weissen Fassade bewogen haben, abr das Nachbarhaus sieht so aus:

Das ist das Jenischhaus, das auf dem Nachbar"gundstück" steht.
 
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